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Zeit zum Lernen
Viele Beschäftigte kennen ihren Anspruch auf Bildungszeit noch immer nicht. Dabei ermöglicht sie Weiterbildung während der Arbeitszeit – bei voller Lohnfortzahlung.
Frühschicht, Familie, Ehrenamt – und irgendwo dazwischen noch Weiterbildung? Für viele aktive Gewerkschafter*innen scheint das kaum machbar. Der Arbeitsalltag ist eng getaktet, gleichzeitig verändern Digitalisierung, Transformation und wirtschaftlicher Druck ganze Branchen. Gerade in Zeiten des Umbruchs braucht es jedoch Wissen, Orientierung und die Fähigkeit, Veränderungen aktiv mitzugestalten. Genau dafür gibt es Bildungszeit.
Viele Beschäftigte kennen das Modell unter dem Begriff Bildungsurlaub. Gemeint ist dasselbe: der gesetzliche Anspruch auf Freistellung für Weiterbildung. In den meisten Bundesländern können Beschäftigte dafür mehrere Tage pro Jahr nutzen, ohne auf ihr Gehalt verzichten zu müssen. Während der Bildungszeit läuft die Entgeltzahlung weiter wie im regulären Urlaub. Die Kosten für Seminar oder Unterkunft tragen Teilnehmende meistens selbst. Angebote der IGBCE sind für Mitglieder in der Regel kostenlos.
Wichtig ist dabei: Bildungszeit beschränkt sich nicht nur auf klassische berufliche Weiterbildung. Sie umfasst ausdrücklich auch politische und gesellschaftliche Bildungsangebote. Genau darin liegt ihre besondere Bedeutung für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit.
Denn Weiterbildung bedeutet heute weit mehr als zusätzliche Qualifikation. Wer Veränderungen in Betrieb und Gesellschaft verstehen will, braucht Zeit zum Lernen, zum Austausch und zur Diskussion. Themen wie Transformation der Industrie, Mitbestimmung, wirtschaftliche Entwicklungen oder gesellschaftlicher Zusammenhalt lassen sich im hektischen Arbeitsalltag oft nur schwer vertiefen.
Der Mensch will lernen
Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Viele Menschen wollen sich weiterbilden – kennen ihre Möglichkeiten aber kaum. Besonders gering ist der Bekanntheitsgrad der Bildungszeit. Dabei nutzen jedes Jahr bereits Hunderttausende Beschäftigte dieses Instrument.
Gerade für aktive Mitglieder der IGBCE kann Bildungszeit ein wichtiger Baustein gewerkschaftlicher Stärke sein. Sie schafft Raum, um Fähigkeiten für die Interessenvertretung weiterzuentwickeln: Konflikte konstruktiv führen, Veränderungen im Betrieb erklären, Kolleg*innen beraten oder wirtschaftliche Entwicklungen besser einordnen.
„Viele Menschen wollen sich weiterbilden – kennen ihre Möglichkeiten aber kaum.“
Studie der Hans-Böckler-Stiftung
Die IGBCE kann den Zugang erleichtern
Die IGBCE kann mit Blick auf diese Lücke zwischen Angebot und Nutzung der Bildungszeit eine wichtige Rolle einnehmen. Auch hier gilt: Tue Gutes und rede darüber. Das Gelernte bleibt dabei nicht im Seminarraum. Mitglieder tragen neue Kenntnisse und Erfahrungen direkt in die Betriebe hinein – in Gespräche mit Kolleg*innen, in Betriebsversammlungen oder in Verhandlungen über die Arbeitsbedingungen der Zukunft.
Damit Bildungszeit tatsächlich genutzt werden kann, braucht es passende Angebote. Genau hier spielt das Kompetenzzentrum Bildung (KomBi) eine wichtige Rolle. Es organisiert Seminare und Bildungsangebote, die gezielt auf die Anforderungen aktiver Mitglieder zugeschnitten sind und in vielen Bundesländern über die Bildungszeit anerkannt werden können. Die Angebote verbinden gewerkschaftliche Themen mit persönlicher Kompetenzentwicklung und schaffen Raum für Austausch zwischen Aktiven aus unterschiedlichen Regionen und Branchen.
Die Bildungszeit passt damit auch zur neuen strategischen Ausrichtung der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Der Bildungsantrag D39 „Gewerkschaftliche Bildungsarbeit im Next-Level-Modus“ (siehe auch Interview Seite 7 und Hintergrund Seite 9) versteht Weiterbildung nicht mehr nur als Seminarangebot, sondern als strategisches Instrument zur Stärkung von Mitgliedern und Interessenvertretung. Bildungszeit schafft dafür den notwendigen Freiraum.
Denn Lernen braucht Zeit. Und Mitbestimmung braucht Menschen, die informiert, handlungsfähig und gut vernetzt sind. Bildungszeit schafft genau diesen Raum – für Wissen, Austausch und demokratische Mitgestaltung im Betrieb und darüber hinaus.