Im Gespräch

Mit Bildungsarbeit Orientierung bieten in unruhigen Zeiten: IGBCE-Vorstand Alexander Bercht

Foto: Moritz Küstner

„Bildungsarbeit im Next-Level-Modus“

Die Bildungsarbeit wird neu aufgestellt: passgenauer und praxisnäher. Alexander Bercht, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands, erklärt, wie Mitglieder davon profitieren.

Alexander, du hast nach der neuen Geschäftsverteilung die strategische Verantwortung für die Bildungsarbeit übernommen. Wie blickst du auf den beschlossenen Next-Level-Modus?

Die zukünftige Bildungsarbeit muss sich klarer an den gewerkschaftspolitischen Herausforderungen ausrichten: Den Veränderungen in den Belegschaften und in unserer Mitgliedschaft, der brüchiger werdenden Sozialpartnerschaft und damit wachsenden Konflikten, an den neuen Kommunikations- und Beteiligungskulturen, dem Generationenwechsel in Betrieb und Organisation. Durch den Kongressbeschluss drückt sich der klare Wunsch unserer Basis nach Veränderung aus. Und diese Veränderung kann nur von Menschen gestaltet werden, die sich entsprechende Kompetenzen aneignen und Orientierung stiften in Zeiten großer Veränderungen. Das ist die Aufgabe gewerkschaftlicher Bildungsarbeit.

Welche Felder müssen dabei konkret reformiert werden?
Am wichtigsten ist mir zu betonen: Wir sind nicht irgendein Bildungsanbieter. Wir sind eine Gewerkschaft. Und im Zentrum gewerkschaftlicher Bildung müssen Wertevermittlung und die Vermittlung notwendiger Kompetenzen stehen, um wirksam die Interessen unserer heutigen und zukünftigen Mitglieder vertreten zu können.

Bleiben wir bei den Handlungsfeldern des Antrags: was muss hierbei nun passieren?
Da sagt der Antrag recht klar: Es reicht nicht aus, einfach allgemein „mehr zu schulen“. Und unsere Bildung muss in unsere gewerkschaftspolitische Strategie passen und wieder eine deutlich wichtigere Rolle für unsere Nachwuchsgewinnung spielen.

Wir müssen ein klares Kompetenzmodell für ehrenamtliche Funktionäre entwickeln. Für die wichtige Ehrenamtsrollen, wie für Vertrauensleute, Jugend- und Frauengremien oder andere ehrenamtliche Funktionäre, muss klar beschrieben werden, was man braucht, um diese Aufgaben wirksam ausfüllen zu können. Und wir müssen sicherstellen, dass wir unsere Funktionäre in ihrer persönlichen Entwicklung als Bildungsanbieter kompetent begleiten.

Zweitens muss die Qualifizierung zielgruppenspezifisch werden. Der Antrag betont ausdrücklich die Individualisierung nach Zielgruppen. Das bedeutet: Eine neue Vertrauensperson braucht andere Lerninhalte als eine erfahrene ehrenamtliche Leitungsperson. Es braucht also gestufte Lernpfade – Einstieg, Vertiefung, Aufbauqualifizierung und längerfristige Entwicklung.

Drittens braucht es Anerkennung und Anschlussfähigkeit. Ein zentraler Punkt im Antrag ist, dass erworbene Kompetenzen auch im privaten und beruflichen Kontext anwendbar sein sollen. Das ist politisch wichtig, weil es das Ehrenamt attraktiver macht: Wer sich engagiert, gewinnt nicht nur für die Organisation, sondern entwickelt Kompetenzen mit erkennbarem Wert für die eigene Weiterentwicklung. Deshalb müssen Qualifizierungen so aufgebaut sein, dass sie dokumentierbar, anschlussfähig und möglichst formal anerkennbar sind.

Viertens muss aus einzelnen Bildungsangeboten ein verbindlicher Entwicklungspfad werden. Das heißt: Neben kurzen Schulungen braucht es längere Programme mit aufeinander aufbauenden Modulen, verlässlichen Abschlüssen und Perspektiven für Weiterentwicklung.

Daher sollen für unsere Spitzenfunktionäre auch akademisch anerkannte Aufstiegs- und Langfristfortbildungen angeboten werden.

„Wir sind nicht irgendein Bildungsanbieter. Wir sind eine Gewerkschaft.“

Alexander Bercht

Du hattest auch das Handlungsfeld Ansprache neuer Zielgruppen wie Nachwuchskräfte genannt. Wen meinst du hier konkret?
Im Fußball würde man sagen, unsere Mannschaft befindet sich im Umbruch. Wir werden in den kommenden Jahren demographisch bedingt viele erfahrene Funktionäre verlieren. Gleichzeitig müssen wir besser werden, Talente für die Gewerkschaftsarbeit zu identifizieren und an uns zu binden. Diese Herausforderung ist gerade in den Bereichen groß, in denen wir keine starke betriebliche und gewerkschaftliche Verankerung haben. Das sind aber oftmals die wachsenden Bereiche in unserem Organisationsbereich. Hier sehe ich die Bildung in einer neuen Schlüsselrolle.

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit zeichnet sich neben ihren spezifischen Inhalten vor allem durch ihre Akteur*innen aus. Was sieht der Next-Level-Modus hier vor?
Wir sind eine Organisation und keine lose verkoppelten Einheiten. Das muss sich auch in unserer Bildung zeigen. Eine erfolgreiche Bildungsarbeit setzt nicht nur auf neue Inhalte, sondern auf ein arbeitsteiliges, professionelleres Zusammenspiel aller Bildungsakteur*innen von der Ansprache im Betrieb über die Qualifizierung unserer Referierenden, der Zusammenarbeit mit den Bezirken und Landesbezirken bis hin zur bundesweiten Koordinierung durch das KomBi. Wir brauchen auch hier mehr Teamspiel, klarere Strukturen und höhere Verbindlichkeit. Unsere Bildungsarbeit wird dadurch verbindlicher, strukturierter und wirksamer.

Woran werden unsere Mitglieder konkret merken, dass die IGBCE ihre Bildungsarbeit tatsächlich auf ein neues Level gehoben hat?
Unsere Bildungsangebote werden noch näher an die Betriebs- und Lebensrealität unserer Mitglieder zugeschnitten sein. Es geht um die Vermittlung von Kompetenzen wie Konfliktfähigkeit, politischem und gewerkschaftlichem Wissen sowie die Stärkung der Selbstwirksamkeit unserer Mitglieder. Denn Bildungsarbeit soll nicht abstrakt bleiben, sondern bei den täglichen Konflikten im Betrieb helfen und zugleich politische Orientierung geben. Dazu werden die Angebote noch besser auf die Beschäftigtengruppen angepasst und mit mehr digitalen Formaten ergänzt.